China nach Olympia

China nach Olympia

Im Glanz des Erfolges

 

 

25. August 2008 Nach den Olympischen Spielen der Rekorde kehrt China zum Alltag zurück. Was bleiben wird, steht dahin. In den chinesischen Medien war am Tag danach viel vom Olympischen Geist die Rede, von harter Arbeit und Selbstüberwindung, von Respekt und Toleranz. In den politischen Stellungnahmen wurde bejubelt, dass China trotz der vielen vor den Spielen geäußerten Kritik aus dem Ausland die Welt positiv beeindruckt habe.

Die Organisation war perfekt, die Sicherheitsvorkehrungen effektiv, die Sportstätten schön und funktional. Mit der gelungenen Organisation der Spiele hat die chinesische Führung zumindest einen Teil des Prestigeverlustes wiedergutmachen können, der vor allem wegen der Tibet-Politik und der Diskussion über die Zensur entstanden war.

 

 


Kein überzogener Nationalismus

 

Das Sporterlebnis, die grandios inszenierten Auftakt- und Schlussfeiern und die überwältigenden Erfolge der chinesischen Sportler haben das bekräftigt, was die chinesische Führung als den „nationalen Zusammenhalt“ bezeichnet. Auch der massenhafte Einsatz der Freiwilligen trug dazu bei. Die chinesischen Helden wurden ausgiebig gefeiert, doch ein überzogener Nationalismus war nicht zu spüren. Ganz selten gab es unfreundliche Töne, etwa gegenüber japanischen Sportlern. Im Glanz des Erfolges braucht sich Chinas Nationalismus nicht zu behaupten, man kann sich großzügig zeigen.

Doch besteht die Gefahr, dass die nationale Hochstimmung die antiwestlichen Töne, die vor den Spielen vor allem im Zusammenhang mit Tibet geäußert wurden, wieder lauter werden lässt. Die chinesische Regierung hat sie vor den Spielen ermutigt. Wird sie sie jetzt dämpfen, oder den Graben des Missverständnisses zwischen China und dem Westen wieder aufreißen lassen?

Nach innen sieht sich die chinesische Regierung mit neuer Kritik konfrontiert. Bürger melden neue Ansprüche an. Wenn die Luft für die Olympischen Spiele und die Paralympics sauber gehalten werden kann, warum nicht auch zu normalen Zeiten? Man fragt sich, ob immer nur auf internationale Großereignisse gewartet werden muss, bis die Regierung durchgreift. Warum kann die chinesische Regierung den olympischen Gästen saubere, rückstandsfreie Lebensmittel garantieren, ihren Bürgern aber nicht?

 

 


Viele Erwartungen waren zu hoch angesetzt

 

Der Verkehrsfluss in Peking wurde allein schon dadurch erleichtert, dass vor den Spielen zigtausende Dienstwagen stillgelegt wurden. Die Öffentlichkeit fragt sich nun, ob die Funktionäre diese Autos wirklich alle brauchen.

Während die Debatte über die Zensur des Internets hauptsächlich von ausländischen Medien geführt wurde, die sich in China erstmals selbst mit dem Phänomen konfrontiert sahen, zeigten sich für chinesische Medien auch positive Einflüsse der Olympia-Bestimmungen. Ohne die neue Bewegungsfreiheit für ausländische Journalisten hätte es in diesem Jahr nicht die relativ freie Berichterstattung chinesischer Medien über das Erdbeben in Sichuan gegeben. Ohne die freie ausländische Berichterstattung hätte die chinesische Öffentlichkeit kaum von den Tibet-Protesten und den nicht genehmigten Demonstrationen während der Spiele erfahren.

China hat nie versprochen, dass sich sein politisches System wegen der Olympischen Spiele ändern würde. Deswegen waren viele Erwartungen in Fragen der Menschenrechte oder Medienpolitik zu hoch angesetzt. Trotzdem ist die chinesische Regierung eine Art moralischer Verpflichtung eingegangen, sich zumindest während der Spiele an internationale Regeln zu halten. Mit Verhaftungen von Dissidenten, der Nichtgenehmigung von Demonstrationen und der Zensur des Internets verstieß China gegen solche ungeschriebenen Versprechen. Ob das Internationale Olympische Komitee die chinesische Regierung auf mehr hätte verpflichten müssen, ist eine Frage, die auch im Hinblick auf künftige Olympische Spiele, etwa in Russland, geklärt werden muss.

 


Olympia kann ein Land nicht ändern

 

Die chinesische Regierung hat kaum Zeit, sich im Glanz des Erfolges zu sonnen. Die wirtschaftlichen und sozialen Fragen, die von den Spielen in den Hintergrund gedrängt wurden, erfordern höchste Aufmerksamkeit. Die Inflation und die internationale Finanzkrise geben Anlass zur Sorge. Als kurz vor den Spielen 30.000 Menschen in der Provinzstadt Weng’an demonstrierten und öffentliche Gebäude niederbrannten, war dies ein Fanal. Es sollte der Regierung zeigen, was passieren kann, wenn sich Wut und Machtlosigkeit angesichts von Behördenwillkür und Korruption Luft machen.

Wird die Regierung bei ihrer Politik der lokalen Schadensbegrenzung bleiben, oder wird es größere Fortschritte nicht nur in der Regierungsführung, sondern auch hin auf eine Demokratisierung der Gesellschaft geben? Die Olympischen Spiele können ein Land nicht ändern, schon gar nicht eines von der Größe und Komplexität Chinas. Aber sie können als Katalysator für soziale und politische Entwicklungen wirken, wie sie das etwa in Südkorea getan haben.

 

 


Eine große Abrechnung mit den Tibetern?

 

Wie wirksam der Katalysator Olympia im Fall Peking war, wird sich erst aus der historischen Perspektive entscheiden lassen. Am wahrscheinlichsten erscheint, dass gesellschaftliche Entwicklungen wie die Partizipation der Bürger verbessert werden. Die Duldung einer wie auch immer gearteten Opposition ist aber noch immer nicht am Horizont sichtbar.

Auch in der Tibet-Frage sind die Hoffnungen auf eine Änderung der politischen Linie gering. Viele Tibeter fürchten sogar, dass nach den Spielen eine große Abrechnung ins Haus steht, da ja der Dalai Lama und seine Anhänger der chinesischen Führung ihre Spiele fast verdorben hätten.

Die Staatspresse feiert die Ausrichtung der Spiele als „Höhepunkt von 30 Jahren chinesischer Öffnungspolitik“. Dies jedenfalls nimmt die Regierung ernst, ihre internationalen Aufgaben und Verantwortung in der Welt und besonders in der Region wird sie auch nach den Spielen verstärkt wahrnehmen. Staats- und Parteichef Hu Jintao setzte da ein Zeichen. Gleich am ersten Tag nach den Spielen brach er zu einer Auslandsreise auf, nach Südkorea und dann nach Zentralasien.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, REUTERS

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