Chinas Umgang mit Behinderten

Wenn ein Handycap zur "Katastrophe" wird

 

 

06. September 2008 „Das ist das Jahr der Behinderten in China“, strahlt, auf seine Krücken gestützt, Dr. Li Canmao. Er zählt auf: „Im März hat das Zentralkomitee der Partei einen Beschluss über die Förderung der Sache der Behinderten gefasst, im Juni hat China die UN-Konvention über die Rechte der Behinderten ratifiziert. Im Juli trat das Gesetz zum Schutz von Menschen mit Behinderungen in Kraft. Und jetzt die Paralympischen Spiele, das wird unserer Sache großen Auftrieb geben.“

 

Li Canmao hat am eigenen Leib erfahren, wie Chinas Umgang mit den Behinderten sich geändert hat. Als der Gehbehinderte das erste Mal im Jahr 1988 die Aufnahmeprüfung für die Universität machte und mit hervorragendem Ergebnis bestand, wollte ihn keine Hochschule nehmen, damals verweigerten chinesische Universitäten den Behinderten noch den Zugang. Erst 1991 wurde per Gesetz geregelt, dass auch Behinderte das Recht auf einen Studienplatz haben. Nach der zweiten Prüfung erhielt Li Canmao Zugang zur Peking-Universität, er studierte westliche Philosophie und schloss mit einem Doktortitel ab.

 


Eine „Schande“ für die Familien

 

Heute ist Dr. Li Leiter des Büros für Behindertenangelegenheiten der Stadt Peking und verantwortlich für die Politikplanung. Es gebe noch viel zu tun, sagt Dr. Li bei einem Treffen im Behindertenzentrum der Pekinger Weststadt. „Wir haben mit der Behindertenarbeit so spät angefangen.“ Erst seit zwanzig Jahren gibt es institutionalisierte Behindertenarbeit in der Volksrepublik China. Bis dahin waren Behinderte und ihre Familien weitgehend allein und mussten sehen, wie sie mit ihrem Schicksal fertig wurden. Behinderte sah man früher kaum auf den Straßen, sie blieben zu Hause, eine „Schande“ oder bestenfalls eine Belastung für die Familien.

 

Dass der Sache der Behinderten in den achtziger Jahren auf einmal Aufmerksamkeit geschenkt wurde, war auf die Tatsache zurückzuführen, dass der Sohn eines hohen Parteiführers an den Rollstuhl gefesselt war. Deng Pufang, ein Sohn von Chinas Reformpolitiker Deng Xiaoping, gründete im Jahr 1988 die Chinesische Behindertenvereinigung. Deng Pufangs Behinderung war mit dem politischen Schicksal seines Vaters verknüpft. In der Kulturrevolution war sein Vater als „rechtes Element“ kritisiert und aus allen politischen Ämtern entfernt worden.

 


Seit den Paralympics ist Förderung wieder Chefsache

 

Der Sohn, der damals die Peking-Universität besuchte, wurde von den Roten Garden angegriffen. Sie warfen ihn aus dem Fenster. Seit dem Sturz ist er querschnittsgelähmt. Deng Pufang wurde zum einflussreichen Repräsentanten und Sprecher von Chinas Behinderten. In den zwanzig Jahren seit der Gründung der Behindertenvereinigung, deren Präsident Deng Pufang heute noch ist, hat sich vieles geändert. Die Behindertenvereinigung hat Betreuungs- und Rehabilitationszentren aufgebaut. Gesetze zum Schutz der Behinderten sind erlassen worden, man hat vom Ausland über Rehabilitationsmaßnahmen und Integration gelernt.

 

Es half der Sache auch, dass China in den vergangenen zwanzig Jahren wohlhabender geworden ist. Behinderte in den Städten bekommen staatliche Sozialhilfe und sind, auch wenn sie nicht berufstätig sind, krankenversichert. Seit China nach den Olympischen Spielen auch die Spiele der Behinderten ins Haus stehen, ist die Behindertenförderung wieder zur Chefsache geworden. Schon die „Special Olympics“ der geistig Behinderten im vergangenen Jahr in Schanghai erfreuten sich großer Aufmerksamkeit der Parteiführung.

 

 


83 Millionen Behinderte

 

Dass es zu Beginn dieses Jahres einen besonderen Beschluss des ZK zur Behindertenförderung gab, gilt als Durchbruch. Denn in China lassen sich viele Dinge erst dann durchsetzen, wenn die Parteiführung sich demonstrativ hinter sie stellt. Chinas Behinderte erhoffen sich nachhaltige Besserung durch Gesetze und staatliche Mittel. Die Sache der Behinderten ist eine große in China mit seiner riesigen Bevölkerung. Nach der jüngsten Erhebung aus dem Jahr 2007 gibt es 83 Millionen Behinderte in China. In der Hauptstadt Peking leben allein eine Million Menschen mit Behinderungen.

 

Behindertenzentren wie das in der Weststadt von Peking sind gut ausgestattet. Es gibt Werkstätten, Sporträume, kulturelle Veranstaltungen und Beratungsdienste. Anders dagegen sieht es in den ländlichen Gebieten aus, wo nach der neuesten Erhebung drei Viertel aller Behinderten leben. Dort gibt es noch wenige Einrichtungen für die Behinderten. Während in den Städten ein grobes Netz gespannt ist, braucht man von Peking aus gar nicht weit zu fahren, um in Regionen zu kommen, wo die Geburt eines behinderten Kindes noch immer als Katastrophe gilt.

 


Behinderte Kinder einfach ausgesetzt

 

Im Waisenhaus von Tianjin, der Nachbarstadt von Peking etwa, sind die meisten Kinder behindert. „Fast alle unsere Kinder werden von der Polizei hierher gebracht“, sagt die Verwaltungsleiterin. „Ihre Eltern haben sie ausgesetzt.“ Nach Angaben der Hilfsorganisation Handicap International sind 94 Prozent der etwa 70.000 Kinder in staatlichen Waisenhäusern behindert. Wanderarbeiter, die kaum genug Geld zum Überleben haben, setzen behinderte Kinder aus, weil sie kein Geld für ärztliche Betreuung haben und sie es sich nicht leisten können, wegen der Betreuung eines Kindes auf eine Arbeitskraft zu verzichten.

 

Viele Leute wissen gar nicht, was man machen kann. Auf dem Land gibt es kaum Hilfsangebote für solche Familien, heißt es im Waisenhaus von Tianjin. In den vergangenen Jahren haben sich viele private Hilfsorganisationen, oft auch mit ausländischer Hilfe, im Bereich der Behindertenrehabilitation in China engagiert. Es verstoße gegen das Gesetz, Kinder auszusetzen, sagt Li Canmao. Und es komme nicht oft vor, versichert er. „Wir müssen die Haltung der Menschen zu den Behinderten ändern. Wenn die Gesellschaft die Behinderten akzeptiert, wird das Leben für die Familien einfacher.“ Am wichtigsten seien allerdings finanzielle Hilfen, sagt Dr. Li.

 


Kaum Hilfen zur Rehabilitation

 

Viele Familien auf dem Land sind arm, sie haben keine Krankenversicherung und können sich keine ärztliche oder pflegerische Betreuung für ihre Kinder leisten. Aber auch in den Städten haben nicht alle Zugang. Zwar sind die behindertengerechten Zugänge in Peking verbessert worden, doch lassen sie weiterhin zu wünschen übrig. Blinde klagen darüber, dass es schwierig ist, Blindenhunde zu halten. „In der Stadt sind nur kleine Hunde erlaubt“, sagt der sehbehinderte Han Jingmin aus Peking. „Selbst wenn man eine Erlaubnis bekommt, so einen Hund zu halten, sind doch die Nachbarn verärgert.“ Er habe große Schwierigkeiten, mit einem großen Blindenhund in einen Bus zu steigen.

Peking hat sich zwar bemüht, besonders vor den Paralympics die Stadt behindertengerechter zu machen, doch tatsächlich sieht man kaum Blinde auf den Straßen, die schon für gut sehende Menschen gefährlich sind, weil Autofahrer in China keine Rücksicht auf Fußgänger nehmen. Nach der jüngsten Erhebung gab ein Drittel der befragten Behinderten an, dass sie Rehabilitationsdienste oder Hilfsmittel brauchten, doch nur 8,4 Prozent haben tatsächlich Hilfsmittel bekommen, und nur 7,3 Prozent haben Rehabilitationshilfe erhalten.

 


Immer mehr Säuglinge mit Geburtsfehlern

 

Das Pro-Kopf-Einkommen von Familien mit Behinderten ist weit geringer als das anderer Familien. Die Zahl der Behinderten ist seit der ersten Erhebung im Jahr 1987 um fast 20 Millionen gestiegen. Wurden 1987 noch 51,6 Millionen, das hieß 4,9 Prozent der chinesischen Bevölkerung als behindert eingestuft, stieg die Zahl bis 2007 auf 83 Millionen. Das sind jetzt 6,34 Prozent der Bevölkerung. Die Steigerung liegt nach Angaben des Vizepräsidenten der Behindertenvereinigung, Shen Zhifei, nicht nur daran, dass die Bevölkerung gewachsen ist. Die Menschen werden immer älter. Damit steigt die Zahl der altersbedingten Behinderungen. 44 Millionen Behinderte sind über 60 Jahre alt.

Es gibt auch neue Kriterien und internationale Maßstäbe, die bei früheren Erhebungen noch nicht angewandt wurden. Shen Zhifei sagt aber auch, dass soziale und Umweltfaktoren für eine Steigerung der Behinderungen verantwortlich seien. Die Mobilität der Bevölkerung und das schnellere Arbeitstempo hätten die Gefährdung durch Arbeits- und Verkehrsunfälle erhöht. Auch Umweltverschmutzung erhöhe das Risiko von Behinderungen, heißt es. So ist etwa die Zahl der Geburtsfehler bei Neugeborenen in den vergangenen fünf Jahren um 40 Prozent gestiegen. Dies wird vor allem auf Umwelteinflüsse zurückgeführt.

 


Neue Quote für Mitarbeiter mit Handicap

 

Die chinesische Regierung hat sich zu den Paralympics, die viele behinderte Besucher, Sportler und deren Betreuer nach Peking führen werden, bemüht, die Einrichtungen für ihre 83 Millionen Behinderten zu verbessern. Sie will sich als fürsorglich und „humanistisch“ präsentieren und war auch bereit, vom Ausland zu lernen. Die Behinderten begrüßen besonders ein neues Gesetz, das Unternehmen dazu verpflichtet, einen bestimmten Prozentsatz behinderter Mitarbeiter einzustellen.

Die kleinwüchsige Pan Yijuan aus Peking ist in den Genuss dieses neuen Gesetzes gekommen. Nachdem sie nach dem Schulbesuch zwei Jahre als Putzfrau arbeiten musste, weil es keine andere Stellung für sie gab, bewarb sie sich bei einem Informationsunternehmen, das, der neuen Bestimmung folgend, mehrere Stellen für Behinderte ausgeschrieben hatte. Sie ist glücklich über ihre Arbeit und freut sich jetzt auf die Paralympics. „Die Paralympics werden bestimmt das Verständnis für die Behinderten in China verbessern“, sagt sie. „Wir Behinderte müssen uns für alles mehr anstrengen als die anderen. Wir wollen, dass das anerkannt wird.“

 

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, REUTERS

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